Ein Handwerker mit gebrochenem Arm, eine freiberufliche Designerin mit Burnout, ein IT-Berater nach einer Herzoperation: Wer selbstständig arbeitet, verdient nur, wenn er arbeitet. Fällt die Arbeitskraft weg, fällt auch das Einkommen weg. Gleichzeitig laufen Fixkosten wie Büromiete, Softwarelizenzen oder Leasingraten weiter. Genau hier liegt das strukturelle Problem, das viele Selbstständige erst dann erkennen, wenn es zu spät ist.
Das Problem mit der gesetzlichen Krankenversicherung
Pflichtversicherte Angestellte erhalten sechs Wochen Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber, danach zahlt die Krankenkasse Krankengeld in Höhe von etwa 70 Prozent des Bruttoeinkommens. Selbstständige sind von dieser Lohnfortzahlung ausgeschlossen. Wer in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) freiwillig versichert ist, hat grundsätzlich Anspruch auf Krankengeld, aber der setzt erst nach der 43. Krankheitswoche ein, sofern kein Wahltarif gewählt wurde.
Wer einen Wahltarif mit Krankengeld abgeschlossen hat, kann diesen Anspruch auf den 22. oder sogar den 8. Tag vorziehen. Das kostet zusätzlichen Beitrag, ist aber für viele die günstigere Lösung im Vergleich zu einer privaten Krankentagegeldversicherung. Das Krankengeld der GKV ist allerdings auf rund 120 Euro pro Tag (Stand 2024) begrenzt, was für Selbstständige mit höherem Einkommen oft nicht ausreicht.
Krankentagegeld: Das zentrale Instrument
Die private Krankentagegeldversicherung ist für die meisten Selbstständigen das wichtigste Werkzeug gegen den kurzfristigen Einkommensausfall. Das Prinzip ist einfach: Man vereinbart eine tägliche Leistung, zum Beispiel 100 oder 150 Euro, und legt fest, ab welchem Krankheitstag die Zahlung beginnt. Je früher die Leistung einsetzt, desto höher ist der Beitrag.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein selbstständiger Unternehmensberater mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 4.500 Euro vereinbart ein Krankentagegeld von 150 Euro ab dem 15. Erkrankungstag. Bei einem Monatsbeitrag von circa 80 bis 120 Euro (abhängig von Alter, Vorerkrankungen und Versicherer) sind die ersten zwei Wochen selbst zu tragen, danach springt die Versicherung ein. Für den kurzen Ausfall legt er Rücklagen an, für den langen Fall hat er Schutz.
Wer die richtige Karenzzeit wählt, sollte seinen tatsächlichen finanziellen Puffer kennen. Drei Monate Nettoausgaben als eiserne Reserve zu halten und das Krankentagegeld erst ab Tag 43 oder Tag 92 einsetzen zu lassen, spart monatlich erheblich beim Beitrag. Wer keine Rücklagen hat, muss früher absichern, zahlt dafür aber deutlich mehr.
Berufsunfähigkeitsversicherung: Der langfristige Schutz
Krankentagegeld deckt vorübergehende Ausfälle ab. Für dauerhaften Verlust der Arbeitsfähigkeit braucht es eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU). Sie zahlt eine monatliche Rente, wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen seinen zuletzt ausgeübten Beruf zu mindestens 50 Prozent nicht mehr ausüben kann.
Die BU ist teurer als das Krankentagegeld, aber ihr Schutzumfang geht weiter. Ein 35-jähriger Grafikdesigner, der wegen einer schweren Sehbeeinträchtigung nicht mehr am Bildschirm arbeiten kann, würde ohne BU-Rente möglicherweise jahrzehntelang ohne gesichertes Einkommen dastehen. Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente ist für die meisten Selbstständigen ohnehin irrelevant, da sie oft nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen und damit auch keinen oder nur einen minimalen Anspruch aufbauen.
Die Rentenhöhe sollte so gewählt sein, dass sie die laufenden Kosten zuverlässig deckt. Als Faustregel gilt: mindestens 60 Prozent des Nettoeinkommens, besser 70 bis 75 Prozent. Günstige Einstiegsprodukte gibt es ab rund 50 Euro monatlich für junge, gesunde Berufseinsteiger. Wer hingegen einen körperlichen Beruf ausübt oder Vorerkrankungen hat, zahlt deutlich mehr oder erhält Risikoausschlüsse.
Vorsorge strukturiert angehen
Viele Selbstständige beschäftigen sich mit dem Thema erst, wenn sie bereits erkrankt sind oder der erste größere Ausfall droht. Dabei lohnt sich eine frühe und strukturierte Auseinandersetzung mit der eigenen Absicherung. Einen guten Überblick über die verschiedenen Bausteine bietet zum Beispiel dieser Beitrag zur Vorsorge als Selbstständiger, der verschiedene Absicherungsmodelle praxisnah erläutert.
Wer seinen Bedarf ermitteln will, sollte diese Fragen beantworten:
- Wie hoch sind meine monatlichen Fixkosten, privat und geschäftlich zusammen?
- Wie lange könnte ich einen vollständigen Einkommensausfall aus Rücklagen überbrücken?
- Habe ich Vorerkrankungen, die einen Versicherungsabschluss erschweren könnten?
- Bin ich freiwillig in der GKV oder privat krankenversichert?
- Zahle ich in die gesetzliche Rentenversicherung ein oder nicht?
Private Krankenversicherung als Alternative
Wer sich für eine private Krankenversicherung (PKV) entscheidet, hat in der Regel bereits ein Krankentagegeld als Baustein im Tarif integriert oder kann es ergänzen. Der Vorteil: Die Absicherung ist individuell gestaltbar. Der Nachteil: Die Beiträge steigen im Alter, und wer in Phasen mit niedrigem Einkommen kürzer treten möchte, kann nicht einfach den Versicherer wechseln.
Für den Vergleich zwischen GKV mit Wahltarif und PKV mit Krankentagegeld gibt die folgende Tabelle eine grobe Orientierung:
| Merkmal | GKV mit Wahltarif | PKV mit Krankentagegeld |
|---|---|---|
| Leistungsbeginn | Ab Tag 8, 15 oder 22 | Frei wählbar (Tag 1 bis 90+) |
| Beitragsstabilität | Einkommensabhängig | Altersabhängig steigend |
| Maximale Tagesleistung | Ca. 120 Euro (2024) | Individuell, unbegrenzt |
| Gesundheitsprüfung | Nein | Ja, bei Abschluss |
Rücklagen als unterschätzter Baustein
Kein Versicherungsprodukt ersetzt eine solide Liquiditätsreserve. Wer drei bis sechs Monatsnettoeinkommen auf einem separaten Konto geparkt hat, kann kurzfristige Krankheitsphasen überbrücken, ohne sofort in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten. Das reduziert außerdem den nötigen Versicherungsumfang und damit die laufenden Kosten.
Ein konkreter Aufbauplan: Monatlich zehn Prozent des Nettoeinkommens auf ein Tagesgeldkonto überweisen, bis die Reserve aufgebaut ist. Danach reicht es, eventuelle Entnahmen wieder aufzufüllen. Dieser Puffer sollte nicht für Investitionen genutzt werden, er ist ausschließlich für Notsituationen gedacht.
Selbstständige, die mit ihrer Absicherung beginnen wollen, sollten nicht versuchen, alles auf einmal zu regeln. Sinnvoll ist eine Priorität: zuerst das Krankentagegeld als kurzfristiger Schutz, dann die BU als langfristige Absicherung, dann der Aufbau einer Liquiditätsreserve. Wer diese drei Bausteine kombiniert, ist gegen die häufigsten Szenarien gut aufgestellt.